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Toleranz und Beliebigkeit- ein kleines Pamphlet
Anmerkung: Der folgende Text beschreibt ein bestimmtes Phänomen
aus Hexenkreisen, das sich aber auf die ganze Esoterik-Szene übertragen
lässt. Andere zu akzeptieren heißt nicht, sie nachzuahmen -
im Gegenteil: es bedeutet, sie ihren eigenen Weg ohne Einmischung gehen
zu lassen!
“Alle Religionen sind doch eigentlich im Kern dasselbe
- und darum kann ich gleichzeitig Hexe sein und jüdisch,
christlich, buddhistisch etc. - genau wie Christen, Buddhisten oder
Juden gleichzeitig Hexen sein können.”
Ähnliches hört man aus Hexenkreisen immer wieder.
Im folgenden möchte ich mich darüber auslassen, warum ich
solche Aussagen für Blödsinn halte - und mich trotzdem nicht
als intolerant betrachte. Ich werde dabei als Beispiel vor allem das
Christentum heranziehen, da es die Weltreligion ist, mit der ich mich
am besten auskenne. Ich denke aber, dass sich die Argumentation auf
jede andere Glaubensrichtung übertragen läßt.
Hinter Statements wie dem obigen sehe ich folgende Argumente:
- Es gibt einen inneren Kern, den alle Religionen gemeinsam haben.
- Die Institutionen, Regeln und Bräuche, die mit der Ausübung
einer Religion verbunden sind, sind dieser von außen auferlegt
und haben mit der Religion selbst eigentlich nichts zu tun - man kann
von ihnen absehen.
- Es ist also eigentlich egal, welche Religion man ausübt -
hauptsache man sieht den Kern, der dahintersteht.
- Es ist auch egal, ob man die Religion überhaupt ausübt,
wenn man sagt, man sei Christin, Hinduistin oder Muslimin, dann ist
man das auch.
- Hexentum ist weniger eine eigene Glaubensrichtung als eine Weltanschauung,
die man auf andere Religionen aufpropfen kann.
- Hexentum zeichnet sich vor allem durch Toleranz aus - daher sollte
eine Hexe sogar Wert darauf legen, zusätzlich noch andere Religionen
auszuüben.
zu (1): Der innere Kern aller Religionen
Dass alle Religionen im Kern eins sind, ist ein schöner Gedanke,
gegen den ich überhaupt nichts einzuwenden habe - auch wenn ich
meine, dass er eigentlich in den Bereich der Mystik gehört. Auf
jeden Fall ist es wichtig, Gemeinsamkeiten zu erkennen, um tolerant
auf andere zuzugehen. Um aber Gemeinsamkeiten zu erkennen, muss man
erst einmal unterschiedliche Positionen definiert haben. Wenn man etwa
von Christen und Juden spricht, dann muss es Merkmale geben, die die
einen von den anderen unterscheiden. Selbst wenn es so ist, dass alle
Religionen etwas gemeinsames haben, so gibt es doch gleichzeitig entscheidende
Unterschiede zwischen ihnen.
zu (2): Institutionen, Regeln und Bräuche einer Religion sind
unwichtig
Gehen wir also davon aus, dass Religionen verschiedene Blickwinkel auf
ein gemeinsames Prinzip darstellen. Was eine Religion von anderen unterscheidet,
sind dann ihre Lehren, heiligen Bücher, ihr Welt-, Gottes- und
Menschenbild, ihre Geschichte, ihre Riten und Gebräuche und auch
ihre Institutionen.
Natürlich ist es möglich, heutzutage Christin zu sein und
nicht in die Kirche zu gehen (obwohl es sicherlich genug Christen gibt,
die da anderer Meinung sind). Sicherlich kann man sich von Teilen der
Kirchengeschichte und den Aussagen bestimmter Kirchenvertreter distanzieren.
Vielleicht kann man auch die christlichen Feiertage außer Acht
lassen und trotzdem an den christlichen Gott glauben. Aber zumindest
muss man an den christlichen Gott glauben - ansonsten wüßte
ich wirklich nicht, wie sich eine Christin von anderen Menschen unterscheiden
sollte. Und irgendwoher muß man wissen, wer dieser Gott ist. Dafür
kann man sich an der Bibel oder anderer christlicher Literatur orientieren,
oder man hat sein Gottesbild vom Pfarrer, den Eltern oder dem Religionsunterricht
vermittelt bekommen - aber ganz ohne Kirche und Bibel geht es wohl kaum.
Selbst eine Minimalchristin würde also nicht ganz ohne christliche
Institutionen auskommen. In dem Moment, wo sie auch noch ihr christliches
Gottesbild ablegt, etwa um fortan die große Göttin zu verehren,
gäbe es kein Kriterium mehr, anhand dessen man sie als Christin
einordnen könnte.
zu (3): Es ist egal, welche Religion man ausübt, solange man
den Kern sieht
Ist es wirklich egal, welche Religion man ausübt? Wenn dem so wäre,
warum ist man dann überhaupt Angehöriger einer bestimmten
Religion? Warum tut man nicht einfach, wozu man gerade Lust hat, besucht
heute die Kirche und morgen die Moschee, nur um übermorgen auf
Visionssuche zu gehen? Vielleicht, weil man einen bestimmten Rahmen
für seinen Glauben braucht? Und wenn man sich also für einen
von mehreren Wegen entscheiden muss - macht es dann nicht auch Sinn,
sich den Weg auszusuchen, welcher einem persönlich am gangbarsten
erscheint?
Mag sein, daß alle Religionen sich letztendlich auf dieselbe göttliche
Kraft beziehen. Aber jede macht etwas anderes daraus, und eben die Art
und Weise dieses Gottesbildes macht die betreffende Religion aus. Solch
ein Bild ist offenbar notwendig für uns Menschen, da die reine
Göttlichkeit unfaßbar ist. Wir brauchen Symbole, Metaphern,
Mythen und das ganze Brimborium, um uns die Gottheit zugänglich
zu machen. Meine Religion ist die Art meines Zugangs - und da ist es
schon ein Unterschied, ob ich jahrelang durch finstere, feuchte Gänge
irre, um ganz am Ende vielleicht ein kleines Licht in der Ferne leuchten
zu sehen, oder ob ich nur die Tür zu öffnen brauche und die
Göttlichkeit vor mir sehe.
zu (4): Man muß eine Religion nicht ausüben und kann trotzdem
ihr Angehöriger sein
Hier stellt sich die Frage: woran merke ich eigentlich, dass jemand
einer bestimmten Religion angehört, wenn er diese nicht ausübt?
Nur weil er es behauptet? Wenn er morgen behauptet, ein Kaninchen zu
sein - ist er dann eins?
Unter Religionsausübung verstehe ich noch nicht einmal das strikte
Einhalten von Formalitäten und Ritualen. Aber wenigstens an die
Grundregeln einer Religion sollte man sich halten, wenn man meint, ihr
anzugehören. Was bliebe denn vom Christentum ohne die 10 Gebote
oder die Nächstenliebe übrig, vom Wicca-Kult ohne die "Wiccan
Rede"? Nein, nicht die "eine Religion, die der Kern von allen ist",
sondern eine unbestimmbare graue Masse.
zu (5): Hexentum läßt sich prima mit verschiedenen Religionen
kombinieren
Dieses Argument steht offenbar hinter der Behauptung, es gäbe christliche,
jüdische, buddhistische etc. pp. Hexen. Ich habe auf jeden Fall
noch nie von christlichen, jüdischen, buddhistischen Muslimen oder
ähnlichem gehört. Wenn man eine Glaubensrichtung so einfach
mit anderen kombinieren kann, dann hat diese Richtung allein offensichtlich
nicht viel zu bieten...
Natürlich ist Hexentum recht eklektizistisch. Es ist auch völlig
in Ordnung, sich mit anderen Religionen zu beschäftigen und Anregungen
aus diesen ins eigene Weltbild aufzunehmen, aber wenn man eine Richtung
wirklich annimmt, dann sollte man auch die Charakterfestigkeit besitzen,
ganz zu konvertieren und sich nicht ein Sammelsurium aus verschiedensten
Religionen zusammenbasteln, denn in diesem Fall wird man am Ende keine
richtig ausüben. Für eine Hexe reicht es aus, Hexe zu sein,
sie muss nicht gleichzeitig noch anderen Religionen angehören -
und warum sie das auch gar nicht kann, will ich kurz am Beispiel Christentum
demonstrieren.
Eine Hexe glaubt unter anderem an folgende Grundsätze:
1. Tu was Du willst - finde Deine Lebensaufgabe
2. Alles, was Du aussendest, kommt dreimal zu Dir zurück
3. das Universum besteht aus Kreisläufen, auch die Seele kehrt
immer wieder
4. es gibt kein klar definiertes Gut und Böse
5. Das männliche und das weibliche Prinzip sind gleichberechtigt
( - oder das weibliche steht über dem männlichen)
Laut der Bibel gibt es keine Seelenwanderung, keine Zyklen und keine
Göttin. Gott ist - zumindest im alten Testament - ein eifersüchtiger
und manchmal ziemlich grausamer Herrscher, der bestimmt, was gut und
was böse ist. Vielen Diskussionen mit Christen habe ich entnommen,
dass es ihnen weniger darum geht, ihre Individualität zu entwickeln,
als viel mehr Gottes Willen zu tun, den sie nicht in Frage stellen.
Selbst wenn ich versuche, die Änderungen sämtlicher Konzile
zurückzuverfolgen, die Apokryphen hinzuzuziehen und die Lehren
irgendwelcher Mystiker und Häretiker dazu zu lesen - was bleibt,
ist ein patriarchaler Monotheismus, und schon damit kann sich eine Hexe
eigentlich nicht identifizieren.
Hexentum ist eine eigenständige Glaubensrichtung, die man genauso
schwierig mit etwas anderem vermischen kann, wie andere Religionen oder
Weltanschauungen.
zu (6): Es ist wünschenswert, daß Hexen zusätzlich
noch andere Religionen ausüben
Der Grund, warum gerade Hexen sich so oft zu mehreren Glaubensrichtungen
bekennen, scheint mir ein falsch verstandener Toleranzgedanke zu sein.
Es ist wichtig und lobenswert, Andersdenkende zu akzeptieren, aber -
sagen wir mal so: ein Mann muss nicht gleich schwanger werden, nur weil
er für Emanzipation ist!
Wahrscheinlich wären viele Anhänger der betreffenden Religionen
sogar entsetzt, wenn jemand sich ihen gegenüber als Hexe und gleichzeitig
als Vertreter ihres Glaubens bezeichnete. Daher ist es eigentlich eine
Frechheit, sich etwa christliche Hexe zu nennen - dies zeigt, dass man
sich mit dem Christentum nicht wirklich auseinandergesetzt hat. Akzeptanz
bedeutet nicht, anderen ungefragt Licht und Liebe aufzuzwingen, ohne
sie überhaupt richtig wahrgenommen zu haben. Akzeptanz bedeutet
anzuerkennen, dass andere anderer Meinung sind als man selbst,
und nicht, ihre Meinungen einfach für sich zu übernehmen.
Akzeptanz bedeutet Respekt vor dem Andersdenkenden und Respekt bedeutet
erst zuzuhören und zu verstehen, bevor man sich ein Urteil über
jemanden bildet. Insofern kann man sagen, dass jemand, der sich als
christliche Hexe bezeichnet, Vorurteile hat - entweder gegen das Christentum
oder gegen das Hexentum oder sogar gegen beides, denn zumindest eins
von beiden hat er nicht im mindesten verstanden.
Nun gab es natürlich Zeiten, in denen Christentum und Heidentum
ineinander übergingen, sich vermischten und gleichzeitig ausgeübt
wurden. Die Leute damals hatten einen Grund: sie wurden missioniert
und wollten trotzdem an ihren alten Bräuchen festhalten. Sie haben
versucht, ihren alten Glauben so weit wie möglich in den neuen
hinüberzuretten, und sicher lassen sich auch heute noch in christlichen
Gebräuchen die Überreste älterer Traditionen erkennen.
Jede Religion ist ja etwas historisch gewachsenes und ist in ihrer Geschichte
aus verschiedenen Richtungen beeinflusst worden. Nur weil christliche
Feiertage auf heidnischen Festen liegen, christliche Kirchen auf alten
Kraftorten erbaut wurden oder man in der Marienverehrung Überreste
eines Göttinnenkultes entdecken möchte, lassen sich Christen
aber nicht als Hexen bezeichnen. Weihnachten etwa ist ein eindeutig
christliches Fest, kein heidnisches. Wer lieber Jul feiern will, ist
kein Christ. Heute hat jeder westeuropäische Mensch das große
Glück, sich seine Religion und Weltanschauung selbst aussuchen
zu können - und es wäre schon ziemlich dumm, davon keinen
Gebrauch zu machen!
Der an sich schöne Gedanke des gemeinsamen Kerns aller Religionen
scheint mir so Gefahr zu laufen, in völliger Beliebigkeit zu enden:
wenn Hexen nicht mehr naturreligiös sind, wahrscheinlich auch nichts
mit Magie zu tun haben und eigentlich jeden Tag in die Kirche rennen,
sich aber selbst als jüdische Moslems bezeichnen würden und
hoffen, so schnell wie möglich das Nirvana zu erreichen: was ist
dann die Botschaft? Alles ist eins = alles ist egal?
Akzeptanz ist ohne gleichzeitige Abgrenzung nicht möglich. Wenn
es egal ist, was man tut, was soll man dann überhaupt noch tun?
Grenzt man sich nicht mit jeder Entscheidung, die man trifft, von all
den anderen Dingen, für die man sich hätte ebenso entscheiden
können, ab? Und wäre es nicht sinnvoll, in dieser Abgrenzung
konsequent zu sein, anstatt zwischen verschiedensten Möglichkeiten
hin- und herzuschwanken?
In diesem Sinne: Tu was Du willst!
Überarbeitet im Juni 2003
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