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Hexen - gibt's die wirklich?
Ja, die gibt's tatsächlich. Zumindest Leute,
die sich diesen Titel geben. Warum sie das tun, hat ganz unterschiedliche
Gründe. Manche haben zu viel "Charmed" geschaut. Andere
wollen Geld damit machen. Wieder andere betreiben das ganze als eine
Art Religion - die nennen sich normalerweise "Wicca". Und
dann gibt's da noch die Frauen - und auch den ein oder anderen Mann
- die ihre Art der Naturmagie "Hexerei" nennen. Leider werden
mit dem Begriff "Hexe" in der Magieszene allzu oft seltsame
Vorstellungen von "Steinzeitreligionen" über mittelalterliche
Kulte bis hin zu reinkarnierten Scheiterhaufenopfern verbunden. Trotzdem
kann die Hexerei ein gangbarer Weg sein. Zumindest war er es für
mich - für eine Weile. Der folgende Text stammt aus jener Zeit,
als ich mich selbst noch "Hexe" nannte...
Was sind moderne Hexen?
Was bedeutet es eigentlich, wenn sich jemand heutzutage
als "Hexe" bezeichnet?
Hat das etwas mit den bösen Hexen aus den Märchen zu tun?
Mit Sicherheit nicht. Sind das Leute, die gegen Geld wahrsagen und Liebeszauber
verkaufen? Nein, das sind meistens Ausbeuter. Sind das Nachfahren derjenigen,
die im Mittelalter auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden? - In den
seltensten Fällen, würde ich sagen.
Das Wort "Hexe" ist, wie man sieht, ziemlich vorbelastet. Trotzdem gibt
es immer mehr Menschen, die sich mit dieser Bezeichnung identifizieren
können. Die meisten damit verbundenen Assoziationen werden aber
auf moderne Hexen nicht mehr zutreffen, also: warum nennt sich jemand
heutzutage "Hexe"?
Das Wort stammt vom mittelhochdeutschen "hagazussa", was meist mit "Zaunreiterin"
übersetzt wird. Eine Hexe ist demnach jemand, der auf der Grenze
zwischen zwei Welten balanciert und Zugang zu beiden hat: Der diesseitigen,
materiellen Welt und dem Jenseits, der Anderswelt. Man darf dieses Bild
allerdings nicht zu wörtlich nehmen. Es gibt nicht zwei parallele
Welten, die von einen Vorhang getrennt sind, durch den die Hexe zu schauen
versucht. Eher ist es so, daß die "Anderswelt" ein anderer
Aspekt von "dieser Welt" ist. Diesen Aspekt nimmt man nicht
mit dem normalen Verstand wahr, sondern man muß sich dafür
auf eine andere Bewußtseinsstufe begeben. Eine Hexe ist offen
für Wahrnehmungen, die andere Menschen nicht haben, sie hat Vorahnungen,
Wahrträume, sieht Gespenster.... oder auch nicht.
Zunächst einmal: das Wort "übersinnlich" ist irreführend.
Wenn manche Leute Dinge erfahren, die andere nicht wahrnehmen können,
so liegt das daran, daß diese Menschen gewisse Sinne besser entwickelt
haben, die bei den meisten anderen verschüttet sind. Prinzipiell
ist es jedoch für jeden erlernbar, diese Sinne zu gebrauchen -
natürlich wird es Leute geben, die darin besser sind als andere,
es gibt ja auch Leute, die besonders gut sehen oder hören können,
während andere eine Brille oder ein Hörgerät brauchen.
Wie gut diese Sinne entwickelt sind, hat aber nichts damit zu tun, ob
jemand eine Hexe ist, oder nicht.
Hexen achten auf ihren "sechsten Sinn" und entwickeln ihn dadurch weiter.
Sie tun Träume, Vorahnungen, innere Stimmen nicht als Humbug ab,
sondern gehen bewußt mit ihnen um. Dadurch gewinnen sie ein Verständnis
für bestimmte Dinge, welches den meisten Leuten heutzutage abgeht.
Die Ausprägung dieser Fähigkeit ist jedoch von Hexe zu Hexe
unterschiedlich und es gibt andererseits genug Menschen, die einen sechsten
Sinn haben und sich selbst nicht als "Hexen" bezeichnen.
Eine Hexe, die ihre "übersinnlichen" Fähigkeiten
entwickelt hat, wird ihre Vorahnungen und Einsichten nicht nur in Bezug
auf sich selbst, sondern auch auf andere haben. Dies geschieht meistens
zunächst ungewollt – viele übersinnlich Begabte, egal ob Hexe
oder nicht, haben mit solchen plötzlichen Einsichten anfänglich
Probleme. Es kann ziemlich traumatisch sein zu erfahren, wie eine böse
Vorahnung sich erfüllt – bei den meisten Menschen geht das mit
Schuldgefühlen einher. Eine Hexe wird daher versuchen, diese Vorahnungen
in den Griff zu bekommen und ihre Fähigkeit gezielt einzusetzen.
Daraus ergibt sich, daß einige Hexen hellseherische oder heilerische
Kräfte haben... andere aber auch nicht.
Leider gibt es nicht wenige Zeitgenossen, die sich die allgemeine Esoterikeuphorie
zunutze gemacht haben, um als sogenannte "weiße Hexe",
"Hellseherin" o.ä. den Leuten das Geld aus der Tasche
zu ziehen. Natürlich gibt es auch richtige Hexen, die mit ihrem
Können Geld verdienen. Manche sind zwar der Meinung, eine wahre
Hexe dürfe niemals Geld verlangen – aber da man sich heutzutage
nicht darauf verlassen kann, einen angemessenen Lohn aus freien Stücken
zu erhalten, finde ich es legitim, hexische Dienstleistungen in Rechnung
zu stellen. Scharlatane erkennt man recht schnell (was nicht heißen
muß, daß diese Leute kein Talent haben – sie dürften
sich meiner Meinung nach nur nicht "Hexen" nennen). Prahlen
sie mit jahrhundertealtem überliefertem Wissen und ihren exklusiven
übersinnlichen Fähigkeiten, bezeichnen sie ihre Magie als
"weiß", kann man die Zutaten zu von ihnen vorgeschlagenen
Ritualen nur bei ihrem eigenen Versandhandel zu völlig überzogenen
Preisen bestellen... so benutzen sie den Namen "Hexe" mit
ziemlicher Sicherheit aus Profitgier.
Was bedeutet nun eigentlich "Magie"? Ist es nicht das, was
eine Hexe ausmacht? Daß sie hexen kann? Daß sie die Dinge
willentlich verändert? Auf Besen durch die Lüfte reitet? Menschen
in Kröten verwandelt? Männer dazu bringt, ihr reihenweise
zu verfallen? Wohl kaum.
Magie ist die Beeinflussung von Materie durch Bewußtsein – oder
von Bewußtsein durch Bewußtsein. Diese Beeinflussung geschieht
ohne die Zuhilfenahme von das Ziel direkt betreffenden materiellen Handlungen
– obwohl solche Handlungen zur endgültigen Erreichung des Ziels
notwendig sein können. Ein Beispiel: Ich möchte einen Artikel
schreiben, leide aber seit Tagen unter einer Konzentrationsschwäche.
Ich beschließe, ein Reinigungsritual durchzuführen, um alle
schlechten Gedanken, die mich am Schreiben hindern, loszuwerden. Für
dieses Ritual benötige ich einen Kelch, ein Messer, etwas Wasser
und Salz – mit diesen Gegenständen führe ich eine materielle
Handlung durch. Diese hat jedoch mit dem Artikel, den ich schreiben
möchte, nichts zu tun und durch diese Handlung wird er auch nicht
geschrieben – sie dient nur zur Verstärkung der geistigen Beeinflussung,
die ich vollziehen will. Habe ich das Ritual erfolgreich durchgeführt
und mich von allen ablenkenden Gedanken befreit, so nützt mir das
natürlich gar nichts, wenn ich mich jetzt nicht an den Schreibtisch
setze, um den Artikel endlich zu schreiben. Zur endgültigen Erreichung
des Ziels ist also eine materielle Handlung nötig – die Magie hat
in diesem Fall bewirkt, daß ich diese Handlung erfolgreich durchführen
kann.
Der Einsatz von Magie zeichnet aber nicht allein Hexen aus – es gibt
die verschiedensten Schulen von Magiern, Alchimisten, Schamanen etc.,
außerdem bin ich der Meinung daß die meisten Menschen ab
und zu unbewußt Magie anwenden. Magie kann z.B. ein Lächeln
im richtigen Augenblick sein, das eine Situation komplett verändert.
Nur daß eine Hexe sich, wenn sie dies tut, bewußt ist, was
sie tut, ein "normaler" Mensch aber nicht.
Eine Hexe weiß, daß es neben der Alltagswelt andere Wirklichkeiten
gibt, die sie durch verschiedene Übungen und Rituale zu finden
versucht. Dabei darf sie sich aller Wege bedienen, die sie für
richtig und wichtig hält. Es gibt keine besondere Religion, keine
besonderen Techniken, keine besonderen Drogen oder Meditationsübungen,
die allen Hexen gemeinsam wären. Aus dem Mittelalter sind Rezepte
für Hexensalben und ähnliches überliefert – von denen
allerdings nicht klar ist, ob sie wirklich benutzt wurden (die meisten
Mischungen, die aus den als Hexen angeklagten herausgefoltert wurden,
enthalten so schöne Zutaten wie Kinderfett – so viel zur Glaubwürdigkeit
solcher Rezepte).
Da es also keine klare hexische Traditionslinie gibt, die sich bis in
frühere Zeiten zurückverfolgen ließe, existieren auch
keine Techniken, die speziell für Hexen gelten. Eine moderne Hexe
wird normalerweise das Schutzkreisritual in der ein oder anderen Form
zelebrieren, aber schon hier gibt es ganz verschiedene Variationen –
z.B. die Anrufung der Göttin, des Gottes, beider oder keines von
beiden betreffend.
Viele Hexen glauben an die Göttin und den Gott oder nur an die
Göttin - in einer ihren vielen Verkleidungen – d.h. aus jedem beliebigen
polytheistischen Götterhimmel übernommen. Das muß aber
nicht sein. Andere glauben an etwas abstrakteres, den ewigen Kreislauf
der Natur, das Werden und Vergehen – ohne dies in die Gestalt einer
speziellen Göttin oder eines speziellen Gottes zu kleiden. Manche
glauben gar nichts. Allen Hexen gemeinsam ist die Verehrung der Natur
und ihrer zyklischen Abläufe. Dafür ist es wichtig, dem Rad
des Jahres und den Phasen des Mondes zu folgen, was gerade für
Großstadthexen nicht besonders einfach ist. Außerdem ist
es hilfreich, ein Wissen über die heimischen Pflanzen und Tiere
anzusammeln, sich mit Heilkräutern und Drogen auszukennen, ein
wenig Astrologie zu betreiben... oder auch eben nicht.
Es gibt Leute, die meinen, eine moderne Hexe müsse dasselbe Wissen
und dieselben Fähigkeiten wie eine mittelalterliche Kräuterfrau
haben. Nun ist es aber so, daß der Kräuterfrau damals weder
Internet noch Bibliothek zur Verfügung standen – sie mußte
Dinge selbst beherrschen, die man heutzutage andere für sich erledigen
lassen kann, um sich interessanteren Fragen zuzuwenden. Wenn eine Großstadthexe
sich auskennt, in welchem Monat man das Heu einfahren sollte, zu welcher
Tageszeit die Kühe am besten gemolken werden und an welchen Tagen
man unter keinen Umständen Bäume fällen sollte, so ist
das sicherlich ein schönes Wissen - aber sofern sie nicht jedes
Jahr zwei Monate zum Arbeitseinsatz auf einen Bauernhof fährt,
wird es ihr nicht viel nutzen. Wichtiger wäre wohl, daß sie
sich Gedanken darüber macht, wie sie positiv auf ihr direktes Umfeld
einwirken kann.
Ich würde eine moderne Hexe daher weder über irgendeine Tradition
noch über bestimmte Fähigkeiten definieren, sondern über
ihre Werte. Wie schon erwähnt, zeichnet sich eine Hexe durch Naturverbundenheit
und durch das Erfahren anderer Wirklichkeiten aus. "Naturverbundenheit"
bedeutet in diesem Fall nicht, daß Hexen grundsätzlich in
Birkenstocks herumlaufen und sich nur von Müsli ernähren.
Es geht darum, bewußt zu sehen und zu verstehen, was um einen
herum geschieht. Für viele moderne Menschen kann man einen Baum
schon fast als "andere Wirklichkeit" bezeichnen – weil sie
noch nie in ihrem Leben bewußt einen wahrgenommen haben. Und mit
ihren Mitmenschen, denen sie täglich auf dem Weg zur Arbeit in
der Bahn gegenübersitzen, ist es wahrscheinlich genauso – vielleicht
haben sie ihnen noch nie bewußt ins Gesicht geschaut. Eventuell
wissen sie noch nicht einmal genau, welche Jahreszeit gerade herrscht
und wann es zuletzt geschneit hat.
Als grundlegende Einstellung, die eine Hexe ausmacht, würde ich
daher Bewußtheit nennen: bewußt zu leben bedeutet, mit offenen
Augen durch die Welt zu gehen, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven
zu sehen, sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen, nichts für
selbstverständlich zu nehmen und sich seine Meinungen selbst zu
bilden. Außerdem bedeutet es natürlich Aufmerksamkeit, Leben
im Hier und Jetzt.
Diese Einstellung schlägt sich auch in den beiden Grundsätzen
der Wiccan Rede nieder (Diese scheint mir in vielen Teilen und
frei interpretiert nicht nur für Wiccae, sondern auch für
ungebundene Hexen zuzutreffen):
"Mind the Threefold Law you should":
Alles, was Du aussendest,
kommt dreimal zu Dir zurück. Eine Hexe weiß aus Erfahrung, daß alles,
was sie tut, eine Auswirkung auf andere und dadurch auch auf sie selbst
hat und versucht, diese zu kalkulieren, bevor sie einen größeren Schritt
oder eine magische Handlung unternimmt.
"An ye harm none, do what ye will":
Tu was Du willst – solange es
niemandem schadet, weder anderen noch Dir selbst. Das heißt verwirkliche
Dich selbst im Rahmen Deiner Möglichkeiten und ohne dabei gegen die von
Dir akzeptierten Werte zu verstoßen und mache Dich dabei weder von
Menschen noch von Gruppen oder Weltanschauungen anderer abhängig.
Handele selbstbestimmt!
Anmerkung: Diese Grundsätze kann ich
heute beide nicht mehr anerkennen - ein Grund dafür, warum ich
mich nicht mehr als "Hexe" bezeichne. Das Gesetz der dreifachen
Wiederkehr ist so, wie es allgemein verstanden wird, irreführend
und einschränkend. Und der Zusatz "schade niemandem"
ist schlichtweg nicht realisierbar. In einer bestimmten Phase meines
Lebens konnte ich mit diesen Grundsätzen jedoch gut arbeiten, und
ich denke, das muss man auch anderen Hexen zubilligen.
Wenn man diese beiden Sätze beherzigt, ergibt sich der Rest eigentlich
von selbst:
"Perfect Love and Perfect Trust":
Entwickele Liebe und
Verständnis für alles. Das bedeutet liebevolle Auseinandersetzung -
nicht unreflektiertes Akzeptieren. Handele stets aus Liebe.
"Live and let live":
Das Leben ist in allen seinen Formen heilig
und schützenswert – gehe niemals leichtfertig damit um, weder mit dem
anderer noch mit Deinem eigenen. Das bedeutet auch: wirf Deine Talente
nicht weg, sondern entwickele sie – finde Deine Lebensaufgabe
"Fairly take and farily give":
Ausgewogenes Geben und Nehmen –
Sei Dir der Polarität, der Zweiseitigkeit aller Dinge bewußt – es gibt
keinen Tag ohne Nacht, kein Gut ohne Böse. Eine Hexe wird sich bemühen,
immer beide Seiten einer Sache zu sehen und nicht vorschnell zu urteilen
"Speak little, listen much":
Sei tolerant, dränge niemandem Deine
Weltsicht auf. Höre anderen zu, habe keine Vorurteile
"Heed ye Flower, Bush and Tree":
Lebe im Einklang mit der Natur
(dies ist der Idealfall, der in unserer Gesellschaft aber leider
schwierig zu verwirklichen ist, daher die schwächere Formulierung:
Versuche, in Deinem Leben möglichst die Auswirkungen auf die Natur zu
kennen und zu berücksichtigen und ihr so wenig wie möglich zu schaden
bzw. begangenen Schaden wiedergutzumachen)
Aus dem Gesagten dürfte hervorgegangen sein, daß
es eine starre Definition von "Hexe" im modernen Sinne nicht geben kann.
Das Hexentum ist ein Weg, den jede Hexe sich selbst suchen muß und
auf dem jede unterschiedlich weit fortgeschritten ist. Die Frage "wie
werde ich eine Hexe?" erübrigt sich daher. Wenn sich jemand lange
genug mit dem Hexenbegriff auseinandergesetzt hat und dann bewußt
und aus ehrlichen Beweggründen beschließt, sich selbst diesen
Namen zu geben – dann ist er oder sie eine Hexe.
Berlin, im Januar 2001
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