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Kleine Einführung in mein magisch-mystisches LebenJa, ich hab mich mal eine Zeit lang "Hexe" genannt. Ja, ich hab mal für eine Weile mit Thelemiten und anderen Kuttenfuzzis abgehangen und mich ausgiebig mit ihnen geprügelt. Ja, Magie ist immer noch ein wichtiger Teil meines Lebens. Und ich bin Mitglied in einer magischen Schwesternschaft. Außerdem bin ich Skeptikerin, Agnostikerin und völlig unesoterisch. Und schon gar nicht naturreligiös... Ich habe einige Zeit gebraucht um festzustellen, dass ich gar nicht religiös bin. Klar, als Kind habe ich an den "lieben Gott" geglaubt. Taten ja alle, und ich habe das auch nicht weiter hinterfragt. Aber so richtig warm geworden bin ich mit der Religion nie - und das, obwohl ich einerseits in einem ziemlich christlichen Umfeld aufgewachsen (meine Heimatstadt ist katholische Enklave im protestantischen Niedersachsen - insofern wurden die Klassen für den Religionsunterricht immer geteilt und man wurde sich ziemlich früh seiner Konfession bewusst. Und dadurch, dass die Katholiken an den Schulen ihrer Religion mit Gottesdiensten etc. nachgegangen sind, kamen die Protestanten natürlich ebenfalls in Zugzwang), andererseits von meinen Eltern - beide evangelisch - in Glaubensfragen recht liberal erzogen worden bin. Ich wuchs also in einen Glauben hinein, ohne ihn als Zwang zu empfinden (immerhin mussten wir nicht zur Beichte, wie die armen Katholiken - und wir durften verhüten und wurden nicht mit 15 heimlich schwanger, wie es am katholischen Mädchengymnasium die Regel war). Allerdings kann ich mich daran erinnern, dass der Religionsunterricht an der Grundschule, wo uns hauptsächlich Geschichten aus dem neuen und alten Testament erzählt wurden, immer mehr Fragen aufwarf als Antworten bereithielt. Und zwar solche Fragen, die man gar nicht erst stellen durfte. So richtig reflektiert habe ich meinen Glauben, bzw. das, was ich zu glauben glaubte, erst, als ich zum Konfirmationsunterricht ging. Das war auch die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich regelmäßig - und nicht nur einmal pro Jahr zu Weihnachten - in die Kirche gegangen bin. Ich hab mich dann noch konfirmieren lassen, aber kurz danach war mir klar, dass ich keinen Drang verspürte, jemals wieder einen Gottesdienst zu besuchen. Womit das Thema "Christentum" für mich beendet war. Meine Fragen hatte mir nie jemand beantworten können bzw. wollen. Ehrlich gesagt hab ich auch ziemlich schnell aufgegeben zu fragen. Und da ich ein konsequenter Mensch bin, beschloss ich, keine Christin mehr zu sein. Seitdem habe ich nur noch anlässlich von Hochzeitsfeiern und Beerdigungen einen Gottesdienst besucht, und das auch nur bei Menschen, die mir sehr nahe standen. Inzwischen war ich mitten in der Pubertät und bekam meine schwärmerische
Phase. Ich las Novalis und Eichendorff, verweigerte die Mitarbeit im
Physik- und Chemieunterricht und entwickelte meinen eigenen kleinen
Natur- und Mondkult, ohne ihn wirklich großartig zu betreiben.
Eigentlich erschöpfte sich das Ganze darin, nachts stundenlang
in den Himmel zu starren, schwülstige Gedichte in mein Tagebuch
zu schreiben und gegen Naturwissenschaften zu sein. In dieser Zeit hatte ich auch meine erste "Vision". Es waren einfach nur Bilder, die ich plötzlich sah, als ich, wie so oft, im Dunkeln auf meinem Bett rumlag, um mich selbst zu bemitleiden. Aber so intensiv hatte ich etwas, das "nicht da war", bisher nur im Traum gesehen, und deshalb haute mich das Erlebnis ziemlich um. Leider hatte ich niemanden, mit dem ich darüber reden konnte. Aber ich habe das ganze natürlich in meinem Tagebuch notiert. Und als ich ungefähr doppelt so alt war wie damals, habe ich herausgefunden, was diese Vision mir damals gezeigt hat. Es ist die Schwesternschaft, in der ich heute bin - die Symbolik war eindeutig, aber damals konnte ich das natürlich noch nicht wissen. Als ich wegzog, um zu studieren, hatte ich dann endlich ein bisschen mehr Freiraum, um esoterisch herumzuexperimentieren, ohne dass meine besorgten Eltern es mitkriegen und mich zur Sektenberatung schleifen konnten. Zunächst las ich mich durch die gesamte Eso-Abteilung der Stadtbücherei. Besonders faszinierten mich die Hexen-Bücher, und so fing ich an, mich mit dieser Richtung intensiver zu befassen, mein eigenes Buch der Schatten anzulegen und mich mit Schutzkreisen, Element-Meditationen, Wünschen und kleinen Kerzenzaubern zu beschäftigen. Am Waldrand hatte ich "meinen" Baum, den ich oft besuchte, dort meditierte, Wunschbeutel auflud und meinen Zauberstab fand. Das alles übte ich immer noch im stillen Kämmerlein aus. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass meine intellektuellen Freunde mich für verrückt halten würden, wenn ich ihnen von meinen magischen Versuchen erzählte. Auch konnte ich mich nicht so richtig aufraffen, mit irgendwelchen Hexenzirkeln Kontakt aufzunehmen, obwohl sich in der Literatur zahlreiche Kontaktadressen fanden. Ich hatte wohl zu große Angst, mich zu "outen". Und wiederum denke ich heute, dass das gut so war. Von einem Freund aus meiner Studienstadt, den ich aber erst als ich dort nicht mehr wohnte kennen gelernt habe, erfuhr ich, dass es dort eine ziemlich große Wicca- und Heidenszene gibt, in der sogar manche der Professoren aktiv sind. Das ist damals komplett an mir vorbeigegangen und ich fühlte mich ganz allein mit meinen kruden Ideen. Kontakt mit Hexen, Magiern, Heiden etc. habe ich erst aufgenommen, als ich mein Studium beendet und einen festen Job hatte. Und das auch nur, weil mir mal eines Nachmittags langweilig war und ich spaßenshalber mal "Hexen" googelte. In der Zeit davor war ich voll damit beschäftigt gewesen, mich im neuen Arbeitsumfeld als nicht allzu exotisch zu integrieren (da reichten schon meine Studienfächer und generellen Ansichten aus, um mich verdächtig zu machen). Aber in dem Moment hat es mich dann gepackt - ich registrierte mich in diversen Hexen- und Eso-Foren und lernte ziemlich schnell Leute kennen, mit denen ich zum Teil noch heute gut befreundet bin. In einer Eso-Community eröffnete ich auch bald mein eigenes "Knusperhäuschen", aus dem später eine Hexen-Website wurde. Zu der Zeit war es mir total wichtig, mich "Hexe" zu nennen. Das war mein Outing, auch wenn es nur halboffiziell war, da ich mich ja online hinter einem Nick verstecken konnte. Ein Großteil meiner Freunde und Familie weiß bis heute nichts von dieser Phase. Damals hielt ich mich immer noch für naturreligiös, obwohl ich es vermutlich nie so richtig gewesen bin. Also: Natur, ja - Religion, nein. Einige meiner Fragen waren zwar beantwortet worden. Der eifersüchtige, strenge, oft sogar kriegerische Vatergott war durch die sanfte Muttergöttin, Verkörperung der Natur, ersetzt worden. Die 10 Gebote durch die Wiccan Rede. "Macht euch die Erde untertan" durch "Die Erde ist euer Tempel, den ihr heiligen sollt". Statt irgendwelche Geschehnisse im Leben eines Mannes zu feiern, der mir nach 2000 Jahre Verzerrung seiner Worte nichts mehr zu sagen hatte, beging ich Feste, die mit dem Kreislauf der Natur verbunden waren. Alles sehr schön. Aber es taten sich neue Fragen auf. Und ich erlebte immer wieder, dass die Naturreligiösen genauso verbrettert reagierten wie die Christen, wenn man ihnen diese Fragen stellte. Da hielt ich es doch lieber mit Crowley und bezweifelte alles - selbst den Zweifel. Leider musste ich bald feststellen, dass die meisten deutschen Thelemiten verkappte Protestanten sind, wobei Thelema als Religion aber gar nicht funktioniert. Ich traf dann noch alle möglichen Saturnis (verkappte Katholiken), Heiden, Wicca etc. (alle möglichen Arten verkappten Christentums), aber was ich unter den Religiösen normalerweise nicht fand, waren Leute, mit denen man offen auch über unbequeme Fragen reden konnte. Fast jeder hielt an dem ein oder anderen Dogma fest, das er nicht bereit war zu diskutieren. Also nannte ich mich "freifliegend" und beschloss, dass Gruppen nichts für mich sind. Und irgendwie merkte ich in dieser Zeit auch, dass Religion ebenfalls nichts für mich ist. Ebenso wie die Bezeichnung "Hexe". Heute nenne ich mich gar nix mehr und hänge keiner Religion an. Also bezeichne ich mich auch nicht als "naturreligiös". Trotzdem versuche ich "im Einklang mit der Natur" zu leben (auch wenn das für eine Großstadtpflanze komisch klingt). Und nicht nur, indem ich lieber Fahrrad als Auto fahre und mein Essen im Bioladen kaufe. Einige der Jahresfeste - ganz besonders Samhain - sind für mich wichtige Termine, die ich eigentlich immer feierlich begehe. Aber nicht, um irgendwelche Götter oder Naturgeister zu verehren. Schon eher, um "im Rhythmus" zu bleiben. Gerade zu Samhain komme ich ganz von selbst in eine feierliche Stimmung, meine Chakren machen komische Sachen und aus einem einfachen Abendspaziergang durch den Park kann ein mystisches Erlebnis werden. Ich finde es nicht wichtig, großartiges Brimborium zu veranstalten. Ich gebe mich einfach den "Schwingungen" des jeweiligen Festes hin. Es ist auch nicht so, dass ich keinen Umgang mit Göttern pflegen würde. Aber ich zolle ihnen keine religiöse Verehrung und ich spreche ihnen auch nicht unbedingt eine eigenständige Existenz zu. Letztendlich habe ich auf die Frage nach ihrer Natur und Existenz keine Antwort und suche auch nicht danach. Vielleich sind es einfach nur meiner neurotischen Psyche entsprungene Hirngespinste. Auch gut, solange ich mir ihnen arbeiten kann und dabei das gewünschte Ergebnis erziele. Inzwischen bin ich Mitglied in einem magischen Tempel, obwohl ich mir geschworen hatte, für immer freifliegend zu bleiben. Trotz der vielleicht irreführenden Bezeichnung hat auch das nichts mit Religion zu tun. Wir verehren keine Göttinnen, sondern wir arbeiten mit ihnen. Als wären sie große Schwestern, die ab und zu vorbeischauen. Außerdem betreibe ich eine Kampfkunst mit Zen-Buddhistischem und Daoistischem Hintergrund und gehe darin ziemlich auf. Diese beiden wichtigen Bereiche meines Lebens werfen normalerweise mehr Fragen auf als sie beantworten. Aber eben solche Fragen, die mich weiterführen - nicht solche, die einen ewig im Kreis laufen lassen. "Naturverbundenheit" hat dadurch für mich eine neue Dimension bekommen. Es geht nicht mehr unbedingt darum, mit Steinen zu reden und für jede Krankheit das passende selbst gesammelte Heilkraut zu haben, zu Samhain den Altar mit Kürbissen zu schmücken oder zu Beltane übers Feuer zu springen. Es geht auch nicht darum, auf lange Sicht aufs Land ziehen und Selbstversorger werden zu wollen. Es geht um das "richtige Leben". Blöder Ausdruck, denn es geht nicht ums Missionieren. Es geht darum, sich nicht von Moden und Gruppenzwängen immer wieder vom eigenen Weg abbringen zu lassen. Es geht darum, sich nicht von der Gesellschaft unterbuttern und wahlweise zum herztoten Karrierejunkie oder zum hirntoten Sozialversager machen zu lassen. Es geht darum, sich mit den Hindernissen auseinanderzusetzen, die einem im Weg stehen, außen wie innen, und sie zu überwinden, um immer weiterzugehen. Es geht darum, im Hier und Jetzt zu leben - nicht in einer Vergangenheit, die nicht mehr zu ändern ist oder in einer Zukunft, die sich nicht ändern wird, solange man sie anstarrt wie ein hypnotisiertes Kaninchen. Es geht um Achtsamkeit, Disziplin, Konzentration und die schrittweise Überwindung des kleinen, plärrenden Egos. Es geht darum, Herz und Verstand am rechten Fleck zu haben und sein Leben nicht als Einzelkampf zu sehen, sondern in einem größeren Zusammenhang zu betrachten. Es geht darum, den Stimmen zuzuhören, die zu einem sprechen. Egal, ob sie von einem Stein kommen, einem Gott oder einem Nachbarn. Es geht darum, zu leben - und nicht, sich leben zu lassen. Es geht darum, zu tun. Was man will. Aber vor allem: zu tun. Berlin, im Juni 2006
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