Textbausteine
Wissen wir eigentlich, wovon wir reden? Gerade in der Magie- und Heiden-Szene
bezweifele ich das oft stark. Und da ich mich ungern wiederhole, hier
ein paar Beiträge zur allgemeinen Verständigung - z.T. einfach
aus Forenpostings rauskopiert, z.T. gleich als längerer Textbaustein
konzipiert.
Energie
Ein Begriff, mit dem man höchst vorsichtig umgehen sollte, da
er in der Eso-Szene alles und nichts zu bedeuten scheint. Wird gern
in Formulierungen wie "irgendwie spür ich da jetzt so voll
die negative Energie" bzw. "Ich schick dir jetzt mal ganz
viel positive Energie" oder auch "Götter, Engel und so
sind alles Energien" uswusf. verwendet.
Aha. Meines Wissens ist Energie ein physikalischer Zustand, definiert
als die Menge von Arbeit, die ein System verrichten kann. Da ist nix
positiv oder negativ, da kann man auch nichts spüren, weil nichts
fließt. Da kann auch nichts erzeugt oder verbraucht, verschickt
oder vernichtet werden. Das, was wir uns im Alltag unter "Energie"
vorstellen, also z.B. der Strom, der aus der Steckdose kommt, ist bereits
verrichtete Arbeit, eine wirkende Kraft.
Bleiben wir also mal beim Strom, dem das esoterische Verständnis
von "Energie" in etwa zu entsprechen scheint. Strom ist genausowenig
positiv oder negativ wie Energie - weder schwarz noch weiß und
schon gar nicht gelb - er ist noch nicht mal grün, denn nur, weil
ich meinen Strom bei Greenpeace beziehe, heißt das noch lange
nicht, dass aus meiner Steckdose nur Wind- und Wasserkraft kommen. Strom
ist einfach nur Strom. Man kann damit Computer betreiben, Räume
erhellen und Menschen umbringen. Dafür benötigt man nicht
jeweils unterschiedlich gefärbten Strom, sondern es ist immer derselbe.
Und: aus Strom besteht nichts. Auch manifestieren sich Wind- und Wasserkraft
oder Erdgas normalerweise nicht als Elementargeister oder ähnliches.
Mein Eindruck, dass dieser Begriff meist als Platzhalter für etwas,
von dem man nicht so genau weiß, was es ist und es auch eigentlich
gar nicht wissen will bzw. zu faul ist, mal länger darüber
nachzudenken, missbraucht wird, bestätigt sich immer wieder. Und
das ist ärgerlich, denn diskutieren kann man über Worthülsen
nicht.
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Magie, schwarze
Die meisten zurechnungsfähigen Hexen, Magier und Heiden meines
Bekanntenkreises sind der Meinung, dass so etwas wie schwarze und weiße
Magie nicht existiert. Wenn wir sagen "schwarze Magie gibt es nicht",
sagen wir aber nicht "einen negativen Einsatz von Magie gibt es
nicht", sondern wir sagen, "Magie hat keine Farbe". Es
folgt meistens das gute alte Beispiel mit dem Messer, das neutral ist
und sowohl für "schwarze" als auch für "weiße"
Taten eingesetzt werden kann.
Die "Färbung" der Magie wird von selbsternannten Schwarz-
und Weißmagiern wahlweise über die "verwendeten Energien",
die auslösenden Emotionen, die Absicht oder das Ergebnis der betreffenden
Handlung bestimmt.
Will man Magie als die Anwendung von Energie definieren, so kann schwarze
Magie nicht mit der Anwendung schwarzer bzw. negativer Energie gleichzusetzen
sein, denn so etwas gibt es nicht (s.o.). Auch eine Definition über
"positive und negative Emotionen" hilft nicht wirklich weiter,
denn aucn Taten, die aus Liebe und echter Anteilnahme geschehen, können
z.B. Manipulationen gegen den Willen des Opfers darstellen. Ist es also
das Ergebnis, was zählt? Ich denke nicht, denn es würde der
Intuition doch stark widersprechen, etwa eine böse gemeinte Tat,
die am Ende dann doch zu etwas gutem führt, als "weiße
Magie" zu bezeichnen.
Wie beim Messer kann eigentlich nur die Absicht hinter der Anwendung
bzw. die Tat selbst "schwarz" sein.Und damit wären wir
auf dem höchst unübersichtlichen Feld der Moralvorstellungen
angelangt. Die Diskussion kennt man zu genüge: Liebeszauber sind
angeblich weiß, weil es ja um "gute" Liebe geht. Geldzauber
halten viele für schwarz, weil persönliche Bereicherung "böse"
ist. Tatsächlich? [insert Diskussion der eigenen moralischen Standpunkte,
gern in einen respektablen Flamewar ausufernd]
Magie selbst hat keine Farbe, genauso wenig wie Leben eine Farbe hat.
Wir können unserem Leben, underen Handlungen und damit auch der
Magie eine Farbe geben, indem wir uns der ein oder anderen Moral anschließen.
Aber diese Färbung bleibt subjektiv und kann von einem anderen
Blickwinkel aus betrachtet sehr anders aussehen.
Ergo: Es gibt keine schwarze Magie.
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Tu, was Du willst...?
"Do what thou wilt shall be the whole of the Law.
Love is the law, love under will."
Geschichtliche Herleitung:
Die "ursprüngliche Version" stammt - oh Schreck! - weder
von Crowley noch von Gardner, sondern von einem christlichen Geistlichen:
"Dilige, et quod vis fac!"
d.h. "Liebe (Gott) und tu was Du willst."
(Augustinus: Predigt VI zum 1. Johannesbrief, 5. Jhd)
Im 16. Jhd. schreibt der Franziskaner und spätere Benediktiner
Francois Rabelais den Roman "Gargantua und Pantagruel", in
welchem die Angehörigen der "Abtei Thelema" nach der
einzigen Ordensregel "Fay ce que vouldras" - "Tu was
Du willst" - leben.
1901 erscheinen "Les aventures du roi Pausole" des französischen
erotischen Schriftstellers Pierre Louÿs. In diesem Roman stellt
die Hauptfigur folgende Regeln auf: "1. Füge Deinem Nachbarn
keinen Schaden zu. 2. Wenn Du das beachtest, tu wie es dir gefällt."
Im Jahre 1904 channelt Aleister Crowley das "Liber Al vel Legis",
welches die Gesetze des neuen Äons konstatiert:
Do what you wilt shall be the whole of the Law - Tu was Du willst soll
das ganze Gesetz sein.
Love is the law, love under will - Liebe ist das Gesetz, Liebe unter
Willen.
Die letzten Zeilen des "Wiccan Rede"-Gedichtes lauten:
"Eight words the Wiccan Rede fulfill - an' it harm none, do what
ye will."
Seine Ursprünge sind unklar, vermutlich ist es aber durch Gardner
aufgebracht worden, der u.a. von Crowley beeinflusst war.
In "The Meaning of Witchcraft" (1959) schreibt Gardner:
"[Witches] are inclined to the morality of the legendary Good King
Pausol, 'Do what you like so long as you harm no one.' But they believe
a certain law to be important, 'You must not use magic for anything
which will cause harm to anyone, and if, to prevent a greater wrong
being done, you must discommode someone, you must do it only in a way
which will abate the harm.'"
Hexen und Wicca beziehen sich normalerweise auf die "Wiccan Rede".
Viele glauben, dass dies die ursprüngliche Version des Gesetzes
sei, welche "Satanisten" und "Crowley-Anhängern"
geklaut und verändert hätten. In Wirklichkeit ist es, wie
die obige Herleitung deutlich gemacht haben sollte, eher andersherum.
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Die "Wiccan Rede" - ein ethisches Gebot?
"An it harm none, do what ye will"
Im Konzept der "Wiccan Rede" fehlt die Einbindung in ein
größeres Ganzes, die bei Thelemiten und Christen durch das
Konzept des Willens bzw. Gott gegeben ist. Statt dessen wird eine beschränkende
Regel eingeführt: Man soll niemandem Schaden zufügen.
Eine wohlwollende Interpretation sieht die "Rede" nicht als
moralisches Gebot, sondern als Vorschlag einer Richtschnur für
das magische Handeln an. Und ursprünglich war dies wohl wirklich
die Intention - darum heißt sie eben "Rede" nicht "Gebot".
Viele Wicca und Hexen, auf die man trifft, sehen diese acht Worte jedoch
als ehernes Gesetz an.
Mir scheint die ethische Position der Wicca, wenn sie sich tatsächlich
auf diese "Rede" reduzieren lassen soll, sehr unausgereift
zu sein. Es ist nicht die erste "goldene Regel", die eine
Handlungsvorgabe in möglichst wenige Worte zu fassen versucht,
aber sie hat ungefähr das Niveau von "Was du nicht willst
das man dir tu, das füg auch keinem andern zu". Mit anderen
Worten: leicht auszuhebeln und in keinen höheren Zusammenhang eingebettet;
- eben kein wirkliches moralisches Gesetz.
Was bedeutet "schade _niemandem_"? Geht es um Menschen? Tiere?
Pflanzen?
Was bedeutet "_schade_ niemandem"? Darf ich Auto fahren,
obwohl das der Umwelt schadet? Darf ich Medizin einnehmen, obwohl das
den Bakterien schadet? Und kann ich den eventuellen Schaden, den meine
Handlungen bei anderen hervorrufen könnten, überhaupt absehen?
Wohl kaum.
Des weiteren lassen sich genug Beispiele konstruieren, in denen die
Option, niemandem zu schaden, gar nicht gegeben ist (z.B. in Notwehrsituationen
- entweder ich schade dem Angreifer, indem ich mich wehre, oder ich
schade mir selbst, indem ich mich nicht wehre). Für den letzteren
Fall gibt Gardner vor, dass man dann den kleinstmöglichen Schaden
zufügen soll - was immer das in der konkreten Situation bedeuten
soll.
Hier kommen genau die Probleme auf, an denen ein handlungsdeontologischer
Ansatz (einer, der dem Individuum die moralisch richtige Bewertung einer
konkreten Situation selbst überlässt, ohne bindende Verhaltensregeln
vorzugeben) normalerweise scheitert (Unpraktikabilität, Beliebigkeit),
verschärft durch die Tatsache, dass das wiccanische "Tu was
Du willst" eigentlich auch regeldeontologisch verstanden wird:
Ihre Anhänger sehen sie, wie gesagt, oft als ehernes Gesetz an,
an das sie sich unter allen Umständen halten müssen (die Frage
ist eben bloß: wie?)
Mit anderen Worten: Die Wiccan Rede wird als unumstößliches,
letztendlich wohl metaphysisch begründetes (von der Göttin
gegebenes) Gebot aufgefasst, dem man in jedem Fall zu folgen hat. Da
dieses Gesetz aber nicht universal anwendbar und sehr schwammig formuliert
ist, werden seine Anhänger letztendlich immer wieder im Regen stehen
gelassen; sie müssen doch wieder selbst entscheiden, was richtig
ist.
Deontologische Regeln müssen eindeutig und damit in jeder denkbaren
Situation anwendbar sein. Als Beispiel wird hier gern Sokrates angeführt,
der die Option, aus dem Kerker zu fliehen, nicht annahm und statt dessen
den Schierlingsbecher austrank. Ein Teleologe würde einwenden,
dass sicherlich mehr Nutzen (für die Gesellschaft, für die
Geschichte der Philosophie, für seine Schüler etc.) entstanden
wäre, hätte Sokrates weiter gelebt und gelehrt. Aber Sokrates
erkannte Regeln wie "Du sollst keine Versprechen brechen",
"Du sollst den Staat nicht schädigen", "Du sollst
Deinen Eltern und Lehrern (deren Funktion der Staat einnimmt) gehorchen"
als absolut unumstößlich an, weswegen eine Flucht oder ein
Auflehnen gegen seine ungerechte Verurteilung für ihn ausgeschlossen
war.
Regeln wie "Du sollst keine Versprechen brechen" sind eindeutig.
Wenn man sie konsequent anwendet, gerät man auch nicht in Dilemmata
wie etwa zwei sich einander ausschließende Versprechen abgegeben
zu haben. Man würde so etwas gar nicht erst tun. Niemandem zu schaden
dagegen ist eine Regel, die erstens schlechterdings nicht einzuhalten
ist und zweitens für einen ethischen Kodex nicht ausreicht.
Im Grunde genommen haben die Wicca das wohl selbst erkannt - daher
die vielen Regelwerke und "Gesetze", die sich in der einschlägigen
Literatur finden lassen...
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wird laufend fortgesetzt
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